Zwei Stunden in einem philippinischen Gefängnis und am Ende im Bordell (Teil I)

posted in: Palawan, Philippinen | 3

Tag zwei von Vieren auf Palawan, und der Himmel ist schon wieder dunkelgrau. Aber heute sagte ich mir, dass ich nicht noch länger abwarten kann, zumal Puerto Princesa außer der Kathedrale, dem Markt und dem Meer nichts weiter zu bieten hat.

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Ich akzeptierte das Regenrisiko und fuhr zu einer der bekanntesten Touristenattraktionen auf der Insel, dem Gefängnis Palawan Prison and Penal Farm. Es liegt etwa 18 Kilometer entfernt auf der anderen Seite der Bucht von Puerto Princesa. Und dieser Besuch sollte der denkwürdigste meines Lebens als Reisender und Fotograf werden..

Das Gefängnis ist das größte auf Palawan. Vor allem aber ist es insofern eine Besonderheit, als dass die Insassen in relativer Freiheit leben können. Voraussetzung hierfür ist, dass sie sich ordentlich geführt haben und die drei Sicherheitsstufen (Maximum, Medium, Minimum!) erfolgreich durchlaufen haben. Wenn sie die letzte Stufe ohne Beanstandungen abgeschlossen haben, können sie auf dem weitläufigen Gefängnisgelände ein kleines Haus bauen und sogar zusammen mit ihrer Familie dort ihre Reststrafe verbüßen. Darüber hinaus haben sie die Möglichkeit, eine Ausbildung zu absolvieren und Geld zu verdienen.

Das Gelände umfasst 48.000 Hektar, die fast nirgends eingezäunt sind. Trotzdem liegen die Ausbruchsversuche deutlich unter dem landesweiten Durchschnitt.

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Als ich am Gefängnistor ankam, musste ich mich zuerst registrieren und meinen Namen, meine Adresse und vor allem meinen Besuchszweck angeben. Letzeres war natürlcih eine gute Frage. Warum war ich überhaupt hierher gekommen?

Ich hatte mich schon vorher gefragt, warum man ein Gefängnis für Touristen zur Besichtigung öffnet. Wer hat ein Interesse daran und profitiert davon? Wir aus der westlichen Welt, die sich inzwischen ja jedes Wort zwei Mal überlegen müssen, bevor es ausgesprochen wird, um ja nicht die Grenzen der Political Correctness zu überschreiten, sind  hypersensibel, wenn es um solche moralischen Fragen geht. Also, warum bin ich hierher gekommen?

Ich schaute in das Registrierbuch und las, was andere Besucher geschrieben hatten. Die weit überwiegende Mehrheit schrieb einfach nur “Tour”. Das sagt eigentlich gar nichts und klingt schön neutral. Eine uniformierte Beamtin saß mir gegenüber und beobachtete, was ich schrieb. Da will man sich natürlich nicht zu lange mit diesen schwierigen Fragestellungen beschäftigen und den Eindruck vermitteln, man habe sich nicht richtig mit der Thematik auseinandergesetzt. Auf der anderen Seite wollte ich auch nicht so ehrlich sein. Hätte ich vielleicht einfach “Ich will viele Fotos und Portraits von Mördern, Vergewaltigern und anderen Schwerverbrechern machen, um damit eine tolle Fotoreportage zu erstellen, die mir den Durchbruch als Fotojournalist verschafft” schreiben sollen? Ohne langes Überlegen setzte sich der Herdentrieb bei mir durch, und ich schrieb “Tour”, so wie fast alle anderen Besucher vor mir. Immerhin fügte ich das Wort Fotografie hinzu!

Nach all den Formalitäten fuhr ich über das Gelände, auf dem man sich nicht anders fühlt wie auf dem offenen Land. Nach einer relativ kurzen Weile erreichte ich den Minimum Security Compound. Dort begrüßten mich zwei Typen und zeigten mir gleich, wo ich parken sollte. Und zwar direkt am Aufgang zu einem Wachturm, an dessen morsche, verrottete Treppe die Beiden eine handgefertigte Ersatztreppe aus Bambus stellten. Diese sollte ich nun heraufsteigen. Da ich mich in einem Gefängnis befand, stellte ich keine weiteren Fragen und folgte den Anweisungen.

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Von der Plattform hatte ich einen guten Überblick auf das Gefängnisgebäude und den Hof, auf dem sich ein Tennisplatz befand, der wiederum zum Trocknen von Reis missbraucht wurde. Unten im Hof standen ein paar Insassen und winkten mir fröhlich zu.

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Ich machte ein paar Bilder der Leute bis einer der Typen, der sich als Assistenzwächter ausgab, meinte, es sei nun genug. Er erzählte mir ein paar Basisinformationen über das Geängnis und kam dann sehr schnell zum Geschäft. Er hielt zwei Stangen Zigaretten einer lokalen Marke in der Hand und fragte mich, ob ich den Gefangenen nicht ein paar Zigaretten schenken wolle. Pro Packung verlangte er 50 Pesos (0,80 €), was weit überteuert war. Er bestand aber darauf, dass die Zigaretten außerhalb der Stadt viel teurer seien.

Wo man auch hinschaute, sah man “No Smoking”-Schilder. Ich wies den Typen darauf hin, aber da lachte er nur. Schließlich ließ ich mich dazu überreden, zwei Packungen für 100 Pesos zu kaufen. Es ist offensichtlich, dass der Mann kräftig in die eigene Tasche wirtschaftet, indem er bei den Touristen an deren soziales Herz appelliert. Der Wächter, übrigens nicht uniformiert, sagte dann völlig unvermittelt zu mir, ich solle die Kamera bereit halten und auf die Insassen fokussieren. Was nun folgte, war absolut unerwartet und moralisch mehr als grenzwertig. Er begann damit, die Zigaretten einfach in den Hof zu werfen, während die Insassen versuchten, so viele wie möglich zu fangen. Nach einer Schrecksekunde drückte ich den Auslöser durch und machte ein paar Fotos dieses erbärmlichen Spektakels.

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Die ganze Szenerie erinnerte mich an Show-Veranstaltungen mit dressierten Tieren in Zoos, und einmal mehr fragte ich mich, wer von dieser Touristenattraktion profitieren würde.

Ich sprach dann mit einem alten Gefangenen, der wegen Mordes schon seit 39 Jahren einsitzt. Im Alter von zwanzig beging er seine Tat. Jetzt hofft er, im nächsten Jahr vielleicht frei zu kommen.

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Ich verabschiedete mich und fuhr weiter über das Gelände. Schöne Landschaften, Reisfelder und ab und an ein paar lustige Tiere.

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Schließlich erreichte ich die Verwaltungsgebäude, die um einen großen Platz herum angesiedelt sind. Es gab hier einen kleinen Kiosk, dessen Inhaberin eine alte Frau war. Ihr verstorbener Mann war früher Chef der Wachen. Sie darf weiterhin auf dem Gelände wohnen und ihren Kiosk betreiben, da ihr Sohn inzwischen auch ein Gefängniswärter ist und es nur Familienangehörigen gestattet ist, hier zu wohnen oder zu arbeiten.

Sie hat noch zwei Töchter, die in Dubai als Krankenschwester und als Aufseherin in einem Schönheitssalon arbeiten. Sie verdienen beide um die 800 € im Monat und unterstützen damit ihre alte Mutter. Wir unterhielten uns eine ganze Weile, und sie erzählte mir Einiges aus ihrem Leben und über das Gefängnis. Eine sehr nette alte Dame und ein sehr nettes Gespräch!

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Der Himmel hatte sich inzwischen ein wenig aufgehellt, so dass ich die Küste weiter südwärts fuhr.

Fortsetzung folgt.

Klick auf die Diashow über dem Artikel, um mehr Bilder zu sehen.

 

3 Responses

  1. Michael
    | Reply

    Sehr interessante “Tour” ;) Kann gut nachvollziehen, wie Du Dich gefühlt hast

    Und dann diese Cliffhanger – can’t wait for the next one ….

  2. L.E.
    | Reply

    Auf die Fortsetzung bin ich ebenso gespannt wie ich mich darauf freue
    Grüße Lisa

  3. Kirsten
    | Reply

    Ja, das ist wirklich sehr ‘anders’ – erinnert mich an den Film ‘Papillon’ – den kennen sicher alle, oder ? Ciao ciao – Kirsten

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